Entwicklung 29. September 2026 7 min Lesezeit

Neue HTML-Features 2026: Was davon in Power Pages heute schon einsatzreif ist

Trend-Artikel feiern neue HTML-Features. Fuer einen Power-Pages-Browsermix mit Firefox und Safari sind nur zwei davon wirklich Baseline. Der Praxis-Check.

Alle paar Monate macht eine Liste neuer HTML-Features die Runde, oft KI-geschrieben, immer im selben Ton: "Das koennen Sie jetzt endlich nativ, ganz ohne JavaScript." Fuer ein Kundenportal ist die spannendere Frage aber nicht, was ein Browser kann, sondern was alle Browser Ihrer Nutzer koennen.

Ein Portal ist kein Entwickler-Laptop mit dem neuesten Chrome. Da sitzen Edge, Firefox und Safari, teils in Enterprise-Versionen mit traegem Update-Zyklus. Ich habe mir die viel geteilte Liste "neuer HTML-Features 2026" vorgenommen und jedes Feature gegen den offiziellen Baseline- und Browser-Support geprueft, nicht gegen den Ausgangsartikel.

Das Ergebnis ist ernuechternd: Von fuenf gefeierten Kandidaten sind heute nur zwei echtes Baseline ueber alle vier Browser-Engines. Die anderen drei fehlen jeweils in mindestens einer Engine, genau der Unterschied, der im Portal ueber "funktioniert" oder "sieht bei einem Teil der Nutzer kaputt aus" entscheidet. Und eines der fuenf ist in Power Pages sogar dann kaputt, wenn der Browser es laengst beherrscht, ausgehebelt vom portaleigenen CSS. Dazu weiter unten mehr.

Alle Screenshots stammen aus einem echten Power-Pages-Portal (Enhanced Data Model, Bootstrap 5.2.2), gerendert im aktuellen Chrome.

Demo-Seite in einem Power-Pages-Portal mit vier HTML-2026-Feature-Bloecken: Customizable Select, Find-in-page Reveal, Popover und Invoker Commands

Wirklich einsatzreif: zwei Kandidaten

Das Popover-Attribut

Das popover-Attribut plus popovertarget macht Tooltips, Info-Boxen und einfache Overlays ohne eine Zeile JavaScript. Der Browser uebernimmt Fokus-Management, Schliessen per Escape und den "light dismiss" beim Klick daneben.

Ein natives Popover, geoeffnet auf einer Power-Pages-Seite

Das ist der klare Gewinner: Baseline "newly available" seit Januar 2025, unterstuetzt von Chrome/Edge, Firefox und Safari. Fuer FAQ-Hinweise, Feld-Erklaerungen oder kleine Bestaetigungen koennen Sie hier bedenkenlos das Bootstrap-Popover-Plugin abloesen. Nur bei sehr alten Browsern (vor 2023/2024) erscheint der Inhalt statisch, er verschwindet also nicht, er ist nur nicht mehr aufklappbar.

Invoker Commands

Mit command und commandfor steuern Sie Dialoge und Popover deklarativ direkt vom Button aus, etwa command="show-modal" fuer einen <dialog>, ganz ohne addEventListener.

Ein Dialog, deklarativ per command=show-modal geoeffnet, ohne JavaScript

Auch das ist Baseline, aber brandneu: erst seit Dezember 2025 (Safari 26.2 war der letzte Baustein). "Baseline" heisst hier nicht "ueberall", sondern konkret: Chrome/Edge 135+, Firefox 144+, Safari 26.2+. In einem Umfeld mit gepflegten, aktuellen Browsern eine schoene Vereinfachung. In einem Konzern-Portal mit eingefrorenen Browser-Versionen halten Sie noch einen JavaScript-Fallback bereit.

Nur als Progressive Enhancement: drei Kandidaten mit Luecke

Die naechsten drei werden gerne als "einsatzreif" verkauft. Sind sie nicht, jedenfalls nicht als Basis. Sie funktionieren nur mit @supports-Absicherung und einem sauberen Fallback.

appearance: base-select

Endlich Dropdowns per CSS stylen, inklusive der aufgeklappten Optionsliste ueber ::picker(select), ohne Select2 & Co. Technisch beeindruckend:

Ein per appearance base-select gestyltes Dropdown, geoeffnet, mit blauem Rahmen und Custom-Optionen

Aber: Firefox unterstuetzt es gar nicht, und Safari erst seit Version 27 (Mitte September 2026). Es ist damit "Limited availability", kein Baseline. Firefox-Nutzer bekommen das native Dropdown, Ihr Custom-Styling verpufft dort komplett. Nur mit @supports (appearance: base-select) und einem appearance: none-Fallback vertretbar, nie als tragende Loesung.

Und speziell fuer Power Pages ist die Geschichte noch schmaler: base-select greift nur bei Single-Select-Optionssaetzen in Basic Forms, die als natives <select> rendern. Multi-Select-Choices rendern als eigenes Widget, und die Filter in Entity Lists sind Checkboxen und Textfelder, kein <select>. Der praktische Nutzen ist also doppelt begrenzt.

sizes="auto"

Automatische Bildgroessen fuer responsive srcset-Bilder mit loading="lazy", ohne manuelles sizes. Praktisch, aber ebenfalls ohne Safari-Unterstuetzung. Immerhin gutmuetig: Safari ignoriert das Attribut folgenlos und waehlt das Bild wie bisher. Gefahrloses Progressive Enhancement also, aber eben kein "ueberall schneller".

hidden="until-found"

Eingeklappte Inhalte, die von der Browsersuche (Strg+F) trotzdem gefunden und automatisch aufgeklappt werden, ideal fuer FAQ-Bloecke und lange Knowledge-Base-Artikel. Chrome kann das seit 2022, Firefox erst seit Februar 2026, und Safari kann es bis heute nicht.

Hier hat sich beim Nachstellen im Demo-Portal ein zweites, viel wichtigeres Problem gezeigt: Das Feature war ab Werk kaputt, obwohl der Browser es kann. Der Grund ist kein Browser, sondern das Portal selbst. Eine der von Power Pages mitgelieferten Stylesheets enthaelt die Regel [hidden] { display: none !important; }. Das Feature beruht aber darauf, dass ein hidden="until-found"-Element per content-visibility: hidden versteckt und dabei durchsuchbar bleibt. Das display: none !important gewinnt gegen diese UA-Mechanik, nimmt den Inhalt komplett aus dem Rendering und macht ihn fuer die Browsersuche unsichtbar. Strg+F findet den versteckten Text schlicht nicht, es klappt nichts auf.

Sichtbar wird das Feature erst mit einer Ein-Zeilen-Korrektur, die den Reset gezielt zuruecknimmt:

[hidden="until-found"] { display: block !important; content-visibility: hidden; }

Danach bleibt der Block eingeklappt, ist aber wieder durchsuchbar, und Strg+F klappt ihn auf:

Der eingeklappte Block wird per Strg+F-Suche nach einem versteckten Wort automatisch aufgeklappt, der Treffer ist markiert

Das ist genau der Kern dieses Beitrags an einem konkreten Fall: Ein "reifes" HTML-Feature scheitert nicht am Browser, sondern am Power-Pages- und Bootstrap-Kontext. Als Fortschritts-Zuckerl in Ordnung, aber nur mit dem CSS-Override und nur dort, wo der Inhalt auch ohne die Funktion erreichbar bleibt (Safari zeigt ihn nie aufgeklappt).

Vorher pruefen: auf welchem Bootstrap laeuft Ihr Portal?

Eine Rahmenbedingung, die in keinem Trend-Artikel steht: Auf welcher Bootstrap-Version Ihr Portal laeuft, ist nicht selbstverstaendlich, und es macht einen Unterschied. Power Pages unterstuetzt Bootstrap 3.3.6 und Bootstrap 5. Laut Doku ist Version 3 der Default, in der Praxis sehen Sie aber sehr oft Bootstrap 5, weil Bootstrap 5 das Enhanced Data Model voraussetzt und neue Umgebungen und Sites zunehmend genau darauf laufen (mein Demo-Portal etwa auf Bootstrap 5.2.2).

Der praktische Rat lautet deshalb: Schauen Sie zuerst nach, welche Version tatsaechlich installiert ist, bevor Sie ein modernes HTML- oder CSS-Feature einbauen, denn es gibt eine Abhaengigkeit. Am schnellsten geht das ueber die Web-Datei bootstrap.min.css Ihrer Site (die Version steht im Kopf-Kommentar) oder ueber die Site-Einstellung Site/BootstrapV5Enabled. Ein klassisches, jQuery-lastiges Bootstrap-3-Portal ist ein anderes Spielfeld als eine Bootstrap-5-Site.

Kleiner Nebeneffekt in diesem Zusammenhang: Die aeltere Regel, dass ein <h1> in verschachtelten <section>-Elementen automatisch schrumpft, wird von den Browsern gerade abgeschafft (Firefox und Chrome warnen bereits in der Konsole, Lighthouse zieht Punkte ab). In Power Pages merken Sie davon meist nichts, weil Bootstrap die Ueberschriftengroessen ohnehin explizit setzt. Setzen Sie im Zweifel h1 { font-size: 2em; } selbst.

Fazit

Feature In Power Pages einsatzreif? Grund
Popover-Attribut Ja Baseline seit Jan 2025, alle vier Engines
Invoker Commands Ja, mit Fallback Baseline seit Dez 2025, hohe Mindestversionen
appearance: base-select Nur progressiv Firefox fehlt; in Power Pages nur Single-Select-Optionssaetze
sizes="auto" Nur progressiv Safari fehlt, aber gefahrlos
hidden="until-found" Nur progressiv, mit CSS-Fix Safari fehlt; in Power Pages zusaetzlich durch [hidden]{display:none!important} ausgehebelt

Die Regel bleibt unspektakulaer und genau deshalb richtig: Ein neues HTML-Feature gehoert erst in ein internes oder Demo-Portal, dann pruefen Sie den echten Browser-Mix Ihrer Nutzer, und erst dann kommt es progressiv, mit @supports-Fallback, ins Kundenportal. Nie blind aus einer Feature-Liste uebernehmen, egal wie elegant das Feature aussieht.

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Quellen

Tino Rabe

Tino Rabe

Power Pages Spezialist · Former Microsoft MVP

Power Pages Spezialist, former Microsoft MVP. Ich unterstütze Unternehmen bei sicheren Kundenportalen: vom Architektur-Workshop über Coaching bis zum Security-Audit.

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